„Mehr Stärke nach außen, mehr Behutsamkeit nach innen“

Geschichte trifft auf Gegenwart: Selten war dieser Satz so aktuell, wenn stets an Christi Himmelfahrt im Krönungssaal des Rathauses der Internationale Aachener Karlspreis verliehen wird. Preisträger ist in diesem Jahr der 66-jährige Belgier und Präsident des Europäischen Rates Hermann Van Rompuy, der als verhandlungsstarker und pragmatischer Politiker für eine Weiterentwicklung der Europäischen Union eintritt. So steht er einerseits für die Geschichte, indem er sein Amt nutzt, um die nationalstaatlichen Interessen zu bündeln. Andererseits aber auch für die Gegenwart, denn – auch auf seinen Wunsch hin – lud das Karlspreisdirektorium drei hochrangige Vertreter aus osteuropäischen Ländern ein, die (noch) nicht der EU angehören – gleichwohl angesichts der aktuellen Krise in der Ukraine hoffnungsvoll gen Europa blicken.

Jazenjuk: Keine neuen Mauern und Grenzen in Europa

Mir besonderem Applaus begrüßten über 800 Gäste den ukrainischen Premierminister Arseni Jazenjuk, der den Weg nach Aachen trotz heftiger Kämpfe im Osten seines Landes gefunden hat. Er dankte van Rompuy persönlich dafür, dass er vor Monaten dass Assoziierungsabkommen mit der Ukraine unterzeichnet habe. Weitere Schritte würden nun unternommen, um das Verfahren abzuschließen. Ein starkes Bekenntnis zu Europa in schweren Zeiten seines Landes mit unsicherem Ausgang. Als Jazenjuk rief, „niemand hat das Recht in Europa neue Mauern und Grenzen zu errichten“, musste er nicht auf sein Manuskript blicken, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen und dem Publikum heftigen Beifall zu entlocken. Außerdem traten der georgische Premierminister Irakli Garibashvili und der Premierminister der Republik Moldawien, Iurie Leanca, vor das Rednerpult. Unüberhörbar lobten sie die friedfertige Art und Weise, wie die 28 EU-Staaten um Konsens und Integration ringen. Ihre europafreundlichen Worte waren Balsam auf die gekränkte europäische Seele – sie wünschen sich eine weitere Annäherung an die Europäische Union, „träumen“ von einem möglichen Beitritt in der Zukunft.

van Rompuy: Gegen den Gedanken der Machtlosigkeit kämpfen

Dass die Wahrnehmung von außerhalb Europas eine sehr viel positivere sei, als wir sie von innen heraus derzeit häufiger erkennen müssen, daran ließ auch van Rompuy keinen Zweifel. Dennoch: „Wenn nun die Europäische Union vor einer politischen Erneuerung steht, dann ist es wichtig nach vorne zu blicken. Von wirtschaftlichen Schocks über demographische Verschiebungen bis zu Klimatrends – in einer höchst wettbewerbsorientierten Welt müssen wir uns auf die richtigen Prioritäten konzentrieren“, unterstrich der erste ständig gewählte EU-Ratspräsident. „Wir müssen gegen den Gedanken der Machtlosigkeit kämpfen“, betonte der Hüter des Vertrauens weiter (wie er sich selbst in seinem Amt bezeichnet). Seine Fähigkeiten diplomatische Kanäle offen zu halten, belegt er so: „Die Destabilisierung durch unseren gemeinsamen Nachbarn Russland ist nicht akzeptabel und umso bedauerlicher, da dieses großartige Land komplett der europäischen Zivilisation, der europäischen Kultur verhaftet ist. Ohne Shakespeare oder Balzac gäbe es keinen Dostojewski wie wir ihn kennen, ohne Gogol keinen Kafka, ohne Tolstoi keinen Thomas Mann.“

Trotz Krise in seinem Land zur Preisverleihung angereist und mit viel Applaus bedacht:  der ukrainische Premierminister Arseni Jazenjuk.  ©Stadt Aachen, Andreas HerrmannTrotz Krise in seinem Land zur Preisverleihung angereist und mit viel Applaus bedacht:  der ukrainische Premierminister Arseni Jazenjuk.  ©Stadt Aachen, Andreas Herrmann

Der Kritik an Europa hielt der dritte Belgier als Karlspreisträger Europa entgegen, dass der große „Chancen-Eröffner“ jetzt von vielen als unwillkommener Eindringling wahrgenommen werde, der „Freund“ Freiheit und Raum als persönliche Bedrohung für Schutz und Ort gesehen. Hier müsse das richtige Gleichgewicht gefunden werden. Die Union müsse dringend auch als vorteilhaft für Arbeitnehmer und nicht nur für Unternehmen gesehen werden. Die vertrauten Orte des Schutzes und Dazugehörens nicht stören sondern respektieren – von der Wahl der einzelstaatlichen Sozialsysteme, über regionale Traditionen und Identitäten bis hin zum regionalen Käse, das bedeute die richtige Balance zu finden. „Für mich ist die Botschaft der Bürger an die Union eindeutig: Mehr Stärke nach außen und mehr Behutsamkeit nach innen zeigen“, sagte Van Rompuy.

Junges Europa: Europäischer Jugendkarlspreis geht an dänisches Reiseprojekt

An bisschen große Politik schnuppern, hieß es für die Teilnehmer des Jugendkarlspreises 2014, der bereits zwei Tage zuvor verliehen wurde. Hier liegt die Zukunft des europäischen Gedankens, hier werden konkrete Projekte gewürdigt. „Our Europe“, ein dänisches Reiseprojekt für junge Europäer, hat den ersten Preis beim Wettbewerb in Aachen gewonnen. Der zweite Preis ging an „JouwDelft & Co“, einen niederländischen Jugendkongress. Der dritte Preis wurde dem Schulungsprojekt „Employment4U“ aus Zypern zuerkannt. Der Jugendkarlspreis wird jährlich für Projekte vergeben, die ein gemeinsames Bewusstsein europäischer Identität und Integration unter jungen Menschen fördern.

(Frank Fäller)

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