Städel Museum Frankfurt zeigt Ausstellung „Frei. Schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein“ – Atelier in der Städelschule

Ottilie W. Roederstein im Atelier der Städelschen Kunstschule, um 1894 Foto: Roederstein-Jughenn-Archiv im Städel Museum, Frankfurt am Main

Frankfurt am Main. Die deutsch-schweizerische Malerin Ottilie W. Roederstein (1859–1937) zählte zu den erfolgreichsten Künstlerinnen der Zeit um 1900. Das Städel Museum präsentiert vom 20. Juli bis 16. Oktober eine umfassende Retrospektive, die mit 75 Gemälden und Zeichnungen einen Überblick über die künstlerische Entwicklung der stilistisch vielseitigen Malerin gibt. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich.

Gemälde „Lesende alte Frau“

Das Schaffen von Ottilie Roederstein ist von der Geschichte des Städel Museums und der Stadt Frankfurt nicht zu trennen. Nur wenige Meter lagen zwischen ihrem Atelier in der Städelschule und dem Museum, das sie regelmäßig besuchte und von dessen Sammlung sie sich inspirieren ließ. Ihre eigenen Werke fanden schon zu Lebzeiten Eingang in die Sammlung. 1902 erwarb das Städel Museum Roedersteins Gemälde „Lesende alte Frau“ als erstes Werk einer zeitgenössischen Künstlerin. Die Grundlage der Ausstellung bildet demnach die Sammlung des Städel Museums, die mit 28 Werken der Künstlerin neben dem Stadtmuseum Hofheim am Taunus und dem Kunsthaus Zürich über einen der bedeutendsten Bestände verfügt.

Ruhm heute weitesgehend verblasst

„Seit Jahren widmen wir uns mit unserem Ausstellungsprogramm zu wegweisenden Künstlerinnen der Erweiterung des kunsthistorischen Kanons. Mit der Retrospektive über die große Porträtmalerin Ottilie Roederstein fügen wir der Kunstgeschichte nun ein weiteres Kapitel hinzu. Ottilie Roederstein war eine wichtige Person des Frankfurter Kunst- und Kulturbetriebs. Der Ruhm, den sie hier zu Lebzeiten genossen hat, ist weitgehend verblasst. Damit teilt sie das Schicksal zahlreicher erfolgreicher Künstlerinnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zusehends in Vergessenheit gerieten. Ein größeres Publikum wieder mit ihrem Schaffen vertraut zu machen, ist uns ein besonderes Anliegen“, so Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums. „Ottilie Roedersteins Stil war vor allem in den frühen Jahren geprägt durch die französische akademische Malerei. Sie arbeitete bewusst für den Kunstmarkt und richtete sich mit Bildnissen und Stillleben nach den Wünschen ihrer Auftraggeberschaft. In ihren freien Kompositionen überschritt sie jedoch gezielt das für malende Frauen übliche thematische Terrain, indem sie religiöse Bilder und gar Akte schuf. Sie wandte sich der altmeisterlichen Temperamalerei zu und experimentierte mit impressionistischen, symbolistischen und neusachlichen Stilmitteln, wobei ihre individuelle Handschrift stets erkennbar blieb. Unsere Ausstellung macht es sich zur Aufgabe, Ottilie Roedersteins beeindruckende Karriere als Malerin gebührend zu würdigen und sie im Kontext ihrer Zeit zu verorten“, erläutern Alexander Eiling und Eva-Maria Höllerer, die Kuratoren der Ausstellung.

Ottilie W. Roederstein (1859–1937) Selbstbildnis mit roter Mütze 1894 Tempera auf Holz 36 × 24 cm Kunstmuseum Basel. Foto: Martin P. Bühler

Netzwerkerin und Lehrerin

Der Fokus der Ausstellung liegt auf Roedersteins spezifischer Malweise, doch auch ihre Rolle als Netzwerkerin und Lehrerin wird beleuchtet. Ihre enge Verbindung mit Frankfurt und der Region zeigt sich darüber hinaus eindrücklich anhand einer Fülle historischer Dokumente, Fotografien und Briefe aus dem Nachlass der Künstlerin, die dem Städel Museum 2019 von den Erben ihres Biografen Hermann Jughenn übereignet wurden.

Rundgang durch die Ausstellung

Die Ausstellung beginnt mit Roedersteins frühen Werken der 1880er- und 1890er-Jahre und nimmt vor allem ihre Ausbildungszeit in Paris in den Fokus. Wie die meisten ihrer Malerkolleginnen konnte sie ihre Ausbildung nicht strategisch planen. Frauen waren an den Kunstakademien noch nicht zugelassen, und der Beruf der Kunstmalerin war gesellschaftlich nicht akzeptiert. Roederstein studierte in sogenannten Damenklassen oder Damenateliers in Zürich, Berlin und schließlich Paris. Dort zeigte sie ihre Werke fünf Jahre lang regelmäßig in den Salons. Einen großen, internationalen Erfolg erzielte sie auf der Pariser Weltausstellung 1889, wo sie mit einer Silbermedaille prämiert wurde. Sie zeigte dort die Porträts „Miss Mosher“ oder „Sommerneige“  (um 1887), Helene Roederstein mit Schirm (1888) und mit Ismael (1880) erstmals eine Aktdarstellung und eine biblische Historie – Genres, die ausschließlich männlichen Künstlern vorbehalten waren.

Ottilie W. Roederstein (1859–1937) Bildnis des Malers Jakob Nussbaum 1909 Öl auf Leinwand 86,5 × 61,5 cm Städel Museum, Frankfurt am Main.
Foto: Städel Museum

Selbstbildnisse der Künstlerin

Die Selbstbildnisse der Künstlerin bilden einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung. Sie entstanden in allen Phasen ihres Schaffens in verschiedenen Medien und boten der Malerin die Möglichkeit der künstlerischen Positionierung und Selbstbefragung. Außerdem spielten sie bei der Erprobung neuer Stilrichtungen und Maltechniken eine wichtige Rolle. Die Ausstellung vereint u. a. das Selbstbildnis mit roter Mütze (1894), das Selbstbildnis
mit Hut (1904) und das Selbstbildnis mit Pinseln (1917). Meist inszenierte sich Roederstein mit verschränkten Armen und abweisendem Blick in geradezu maskuliner Attitüde als ernst zu nehmende und erfahrene Künstlerin, die sich Respekt und Erfolg erarbeitet hatte.

Bereits zu Lebzeiten wurde Roederstein öffentlich als schöpferische Künstlerin wahrgenommen, eine Rolle, die man zuvor nur den männlichen Kollegen zugestanden hatte. Um 1900 wurden Frauen in der Malerei als Dilettantinnen und Kopistinnen akzeptiert, nicht aber als „frei“ schaffende Künstlerinnen mit eigener Erfindungsgabe. Roederstein gelang es jedoch, sich mit ihrem Werk einen Freiraum zu erobern, von dem viele ihrer Zeitgenossinnen kaum zu träumen wagten. Roedersteins Malerei erfuhr in Frankfurt innerhalb weniger Jahre einen stilistischen Wandel. 1892 bezog sie ein Atelier in der Städelschule. Ab der Mitte des Jahrzehnts orientierte sie sich intensiv an Werken der deutschen und italienischen Renaissance, wie z. B. „Die Verlobten“ (1897) oder „Mila von Guaita“ (1896) zeigen. Sie führte ihre Malerei nicht mehr in Öl auf Leinwand, sondern in Tempera auf Holz aus und weitete ihre Themen zudem auf allegorisch-heroische Stoffe und religiöse Motive aus. Diese waren im späten 19. Jahrhundert noch vorwiegend den männlichen Kollegen vorbehalten.

Ottilie W. Roederstein (1859–1937) Tilde Battenberg 1917 Tempera auf Malkarton 49,5 × 32 cm Privatbesitz. Foto: Städel Museum

Den Kunstmarkt fest im Blick

Zeitlebens hatte die Malerin den Kunstmarkt fest im Blick und war über erfolgreiche Kompositionen und Trends bestens informiert. Als freischaffende Künstlerin ohne großen finanziellen Rückhalt durch ihre Familie war sie auf den Verkauf ihrer Werke angewiesen und orientierte sich daher an gefragten Themen und Stilen. Sie wandte sich etwa dem Frankfurt-Cronberger Künstler-Bund zu, einer sezessionistischen Bewegung, die als Ausstellungsgemeinschaft die aus Frankreich kommende impressionistische Freilichtmalerei in Deutschland etablieren wollte – sichtbar etwa in dem Werk Bildnis des Malers Jakob Nussbaum (1909. 1929 veranstaltete der Frankfurter Kunstverein aus Anlass ihres 70. Geburtstags eine Sonderausstellung; sie erhielt die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt und wurde Ehrenbürgerin von Hofheim. Die letzte Phase von Roedersteins Schaffen fiel in die Zeit des Nationalsozialismus. Sie war nun staatlicher Reglementierung durch die Reichskammer der bildenden Künste unterworfen, um weiterhin ausstellen und verkaufen zu können.

Stadtmuseum Hofheim

Nach Roedersteins Tod richtete der Frankfurter Kunstverein 1938 eine große Gedächtnisausstellung aus, die anschließend im Kunsthaus Zürich und in der Kunsthalle Bern gezeigt wurde. Bis Kriegsende war Roedersteins Werk noch in ihrem Atelierhaus zu sehen, das Winterhalter und Hermann Jughenn zu einer Gedenkstätte für die Künstlerin machten. Danach waren ihre Arbeiten lange Zeit nicht mehr in größerem Umfang zu sehen. Erst in den 1980er-Jahren wurde die Kunst von Ottilie Roederstein durch Ausstellungen im Stadtmuseum Hofheim wieder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht, erlangte aber nicht mehr die einstige internationale Reichweite. pk