„Sound and Silence“ im Kunstmuseum Bonn

Janis Elias Müller, Bodeninstallation. „Fahrrad für Konzert mit Fahrrad und Gitarren“, 2013. Foto: Peter Köster

Der Klang der Stille in der Kunst der Gegenwart – Wachs erstickt ein Klavier

Wie lässt sich Stille in der Kunst der Gegenwart sichtbar und hörbar machen? Welche Intention verfolgt die Kunst bei diesem Versuch? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Ausstellung „Sound and Silence“. Sie wird bis zum 5. September im Kunstmuseum Bonn gezeigt.

Beethovens Ertaubung als Ausgangspunkt

Das Thema der Stille wird als mediale Reflexion in einem breiten Panorama von Installationen, Performances, Video, Filmen, Fotos und Zeichnungen auf unterschiedliche künstlerische Weise behandelt und so (be)greifbar gemacht. Das interdisziplinäre Projekt umfasst Werke von rund 60 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, darunter Marina Abramović, Jane Benson, Joseph Beuys, John Cage, Hanne Darboven, Jonathan Monk, Nam June Paik, Timm Ulrichs, Jorinde Voigt. Die Präsentation wird im Blick auf das Jubiläum des 250. Geburtstags von Ludwig von Beethoven realisiert und nimmt den fortschreitenden Prozess seiner Ertaubung als Ausgangspunkt für die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Klang und Stille, der produktiven und zugleich zerstörerischen Kraft des Schweigens und der Unmöglichkeit einer völligen Stille, die wiederum eng mit Kontemplation verknüpft ist.

1964 veröffentlichten Simon & Garfunkel „The Sound of Silence“. Und nun heißt ausgerechnet die neue Ausstellung im Kunstmuseum „Sound and Silence“. Da ist man fast geneigt, das Ganze als eine Verwechslung zu betrachten, zumal das Venyl-Produkt sogar hinter einer Glasscheibe sichtbar ist. „Nein mit Simon & Garfunkel hat das absolut nichts zu tun“ sagt Volker Adolphs, der zusammen mit Stephan Berg die Ausstellung kuratiert. Unsere Ausstellung heißt „Sound and Silence“ und hier gehe es um Ludwig van Beethoven. Die Ausstellung greife seine Biographie auf, „in die sich die Wege vom Klang zur Stille und der Widerstand gegen das Verstummen als existenzielle Aufgaben eingeschrieben haben.“ Beethovens Ertaubung werfe die Frage auf, „welche Bilder und Klänge die Kunst der Gegenwart in ihren verschiedenen visuellen und akustischen Medien für die Stille, die Pause, das Schweigen, das Verstummen gefunden hat“, so Stephan Berg und fügt hinzu, „indem sie das Verschwinden zeigt, ohne selbst zu verschwinden, und das Verschwundene als Verschwundenes festhält, wie sie das Nichts der völligen Stille sinnlich erfahrbar macht oder wenigstens andeutend umschreibt, und dies nicht bloß mit dem Ziel einer medialen Selbstreflexion.“

Maya Bringolf, „Interferenzen“, 2016, Orgelpfeifen, Lüftungsrohre, Holz, Stahl, Elektronik, Motor, 340 x 280 x 280 cm Foto: Peter Köster

Verbindung der Stille zur Monotonie

Die Ausstellung öffnet die Ohren für die ästhetische und physische Qualität der Stille. Sie überprüft dazu ein weites Terrain sich überschneidender und angrenzender Phänomene und Begriffe. Die Präsentation zeigt, wie sich Künstlerinnen und Künstler mit der Radikalität der in der Stille entstandenen Kompositionen Ludwig van Beethovens auseinandersetzen, wie sie „4’33“ von John Cage, das dieser als sein „stilles Stück“ bezeichnete, weiterdenken. Sie untersucht die in der Stille verborgenen, gespeicherten, ausgelöschten Klänge, die Grenzgebiete zum Unhörbaren, zum Verstummen, die Verbindung der Stille zur Monotonie und Wiederholung, die absichtslosen Klänge der Welt.

Joseph Beuys „Das Schweigen“, 1973 Galvanisierte Spulen.
Foto: Peter Köster

Frage nach dem Klang der Verborgenheit

In den Grenzgebieten zwischen Klang und Stille untersucht „Sound and Silence“ ein ausgedehntes Feld sich überschneidender Themen, Phänomene, Begriffe und Interpretationen, denen sie Installationen, Videos, Filme, Fotos und Zeichnungen zuordnet. Sie fragt nicht nur nach Referenzen auf Beethoven und Cage, sie fragt nach dem Klang der Verborgenheit, nach Werken, die den Klang ins Unhörbare speichern und ihn entziehen, präsent und absent zugleich. So sind in einer Vitrine fünf unbespielbare Filmrollen des Ingmar Bergman-Films „Das Schweigen untergebracht“. Bei näherem Hinsehen erkennt man den Zustand der Filmrollen. Die fünf aufeinandergestapelten Filmrollen enthalten eine Originalkopie der deutschsprachigen Kinofassung von Ingmar Bergmans Film „Das Schweigen (1963)“. Mit einer Mischung aus Zink und Kupfer ließ Joseph Beuys die Filmspulen galvanisieren, sodass ihre Oberfläche mit einer dünnen Metallschicht versiegelt ist. Das Filmband ist unwiederbringlich darin eingeschlossen, die Aufnahmen sind gewissermaßen für immer verstummt.
Dann drängt sich eine Bodeninstallation von Janis Elias Müller vor das Auge. Unübersehbar handelt es sich hierbei um ein Kinderfahrrad, das ein Rudel Gitarren hinter sich herzieht. „Fahrrad für Konzert mit Fahrrad und Gitarren“, heißt das Werk. Es passiert aber weiter nichts. Die Instrumente liegen stumm da, ohne Wirkung. Sie produzieren nichts ebenso wie die Lautsprecher-Skulpturen von Bogomir Ecker, deren Größe in reziprokem Verhältnis zur Stille steht, die sie aus sich entlassen. Der Klang ist in den plastischen Formen dieser Werke ins anschauliche Material hinein als etwas Gewesenes oder Mögliches zeichenhaft und lautlos erstarrt.

Untersucht wird, wie die Welt klingt, wenn Klänge nicht kontrolliert oder komponiert werden, sondern von sich aus geschehen. Christina Kubisch schickt uns in ihren „Electrical Walks“ mit besonders empfindlichen Kopfhörern in die Stadt, um die verborgenen elektrischen Ströme der Lichtsysteme, Transformatoren, Kabel, Antennen, Computer hörbar zu machen. Die Stadt produziert ihren eigenen Klang. Künstlerinnen und Künstler wie Maya Bringolf, Bernhard Leitner, Alvin Lucier, erkunden Klänge am Rand der Stille. Andere wie Absolon, versuchen, in ihrem Video gegen diese Stille vergeblich anzuschreien, bis die Stimme bricht oder vielleicht die Stimme und mit ihr Geist und Körper befreit sind, wie es Marina Abramovic´ in ihrem Film zeigt.

John Baldessari „Beethoven‘S Trumpet“ (With Ear) Opus # 133, 2007.
Foto: Peter Köster

Kulturrebellische Gesten des Fluxus

Statt dieser Verschränkung des Schmerzhaft-Schönen mit der Stille gab es in den kulturrebellischen Gesten des Fluxus, die sich lustvoll an den Instrumenten selbst ausließen, rabiate Formen der Zerstörung: Klaviere und Geigen wurden reihenweise zerhämmert, weil man Traditionen erledigen wollte und der Krach der Zerstörung so gut klang. Al Hansen und Nam June Paik, seien hier besonders erwähnt. Aber auch in der Rockmusik wurde mit Musikinstrumenten nicht gerade pfleglich umgegangen. So endete ein Konzert der „Who“ jedes Mal damit, das Frontman Pete Townshend mit fast schöner Regelmäßigkeit seine Gitarre zertrümmerte. Aber auch heute hat es seinen skulptural-klanglichen Reiz, wenn ein Klavier, wie es Tatiana Blass demonstriert, mit Wachs erstickt wird. Der so veränderte Flügel ist im Übrigen außerhalb des Ausstellungsbereichs (im Foyer) des Museums zu sehen.

Robert Filliou (Notenständer) „Musique Télépathique „N°5, 1976-78.
Foto: Peter Köster

Ein leises Knacken und Knarzen hörbar

In den Hansa-Studios Berlin wurde internationale Musikgeschichte geschrieben: 1976 und 1977 nahm David Bowie darin zwei seiner bekanntesten Alben, „Low“ und „Heroes“, auf, weitere Musikgrößen wie Iggy Pop, Depeche Mode, U2 oder R.E.M. folgten ihm. In „Silence Recording“ macht Dave Allen die berühmten Studios zum Aufnahmegegenstand und dokumentiert durch Tonaufnahmen die akustische Spezifik des Raums. Hier und da ist ein leises Knacken und Knarzen zu hören, Fokus und Reiz der Aufnahme liegen jedoch in der weitgehenden Stille. In ihr liegen alle Möglichkeiten, die in der Musik schließlich ihren Ausdruck finden. Jeder, der Bowies „Low“, Iggy Pops „The Idiot“ oder eines der vielen Weiteren vor Ort entstandenen Musikstücke und Alben schon einmal gehört hat, ist dem Klang des Raums schon einmal begegnet – und das zumeist völlig unbemerkt. Dave Allen lenkt die Aufmerksamkeit nun auf das Ungehörte und Unhörbare und erhebt diese zu den Protagonisten seiner Klanginstallation. Peter Köster