Max Ernst Museum: Doppelausstellung mit Hartmut Neumann und Wolf Hamm „Verbotene Zonen“ und „Große Prozesse“ im Spannungsfeld von Max Ernst

Künstler Hartmut Neumann (links) und Museums-Direktor Dr. Achim Sommer neben der Arbeit „Pflanzenverwirrung“, 2012, Öl auf Leinwand, 170 x 180 cm, Foto: Peter Köster

Brühl. Gute Malerei gibt ein Versprechen, das sie sowohl von Weitem, als auch aus der Nähe einlöst oder einlösen soll. Gleich zwei große Maler, nämlich der Kölner Hartmut Neumann und der Berliner Wolf Hamm lösen dieses Versprechen nun mit ihrer Doppelausstellung im Max Ernst Museum ein. Unter den Titeln „Verbotene Zonen“ und „Große Prozesse“ präsentiert das Brühler Haus bis zum 29. August rund 100 Arbeiten der beiden Künstler.

In der Doppelausstellung mit den beiden zeitgenössischen Vertretern Neumann und Hamm, lassen sich zwei unterschiedliche, aktuelle Positionen im Spannungsfeld zum Werk von Max Ernst und surrealen Bildstrategien entdecken. Diese Berührungspunkte verbinden die beiden künstlerischen Ansätze und schlagen inhaltliche Brücken in der räumlich separiert konzipierten Präsentation, die trotz aller Unterschiedlichkeit Stimmlichkeit und große Qualität zeigt. Museumsdirektor Dr. Achim Sommer: „Die Kunst des einen hebt die Kunst des Anderen.“

Hinterglas-Malerei als bevorzugte Technik

Beginnen wir mit Wolf Hamm (*1974), der in seiner Malerei ein bildnerisches Universum vergegenwärtigt, das die privaten Beziehungen der Menschen, die mythischen Erzählungen und die Vorgänge in Gesellschaft und Geschichte umfasst. Er benutzt die surreale Verfremdung als Chiffre, um komplexe Zusammenhänge der realen Welt bildlich begreiflich zu machen. Die teils fantastischen, narrativen Bilder werden zu Projektionsflächen, auf denen Hamm den Zeitgeist, den Zustand der Welt und der conditio humana (der Natur des Menschen) im Allgemeinen kommentiert. Seine farbintensive und in der Bildkombinatorik surreal anmutenden Arbeiten ziehen die Betrachtenden gleichsam in einen visuellen Strudel. Seit vielen Jahren ist Hamms bevorzugte Technik die Hinterglas-Malerei, da er in ihr eine Möglichkeit findet, seine Bilder in höchstem Maße farblich brillant und damit begehrlich zu gestalten, so dass diese den Betrachter locken, sich mit tiefen Inhalten und Fragestellungen auseinanderzusetzen. Zudem schafft die Technik, mit Acrylfarbe hinter Acrylglas zu malen, eine weitere Erkenntnisebene, die in der Arbeitsweise selbst begründet liegt: Die Motive müssen vom Künstler spiegelnd gedacht und von der anderen Seite gesehen werden.

Familiengeschichte wird in den Bildern verarbeitet

Zum ersten Mal werden in einer Ausstellung alle sechs großformatigen Werke seines 2010 begonnenen Zyklus „Die großen Prozesse“ gezeigt, der im Gewand des Jahreszeitenwechsels die Entwicklungsstufen der Menschheitsgeschichte thematisiert. Im Werk des in Delmenhorst geborenen Künstlers mit finnischen Wurzeln stehen sich Narration und Mythen als Bedeutungsebenen gegenüber. Dabei kommt der Familie eine große Bedeutung zu. „Ich verarbeite in meinen Bildern meine Familiengeschichte. Sie ist der thematische Ausgangspunkt und gleichzeitig meine Inspirationsquelle“, so der Künstler. Geheimnisvoll und zärtlich erscheint die familiäre Einheit, die im gleichen Atemzug mit Urängsten von Trennung und Vergänglichkeit konfrontiert ist. Hamms Schaffen hat etwas Substanzielles – in allem geht es um Erkenntnis, Wahrheit und Freiheit. Seine virtuose Malerei wird zum Instrument, um die Welt zu kommentieren und dem Betrachter mögliche Ausblicke anzubieten. „Meine Malerei soll helfen, unsere Zeit zu reflektieren und uns besser zu verstehen. Erinnerung ist der Motor, um die Zukunft zu gestalten“, so der Künstler. Museumschef Achim Sommer stellt fest: „Mit kritischem Blick auf unsere Zivilisation zeigt Wolf Hamm mal mit leisen Tönen, mal mit einem Paukenschlag auf welche Tragödie wir uns zu bewegen; aber auch welche Werte wichtig sind, um eine Entwicklung zur Apokalypse aufhalten zu können. „All diese Relationen setzt Hamm malerisch in komplexen Gefügen von symbolträchtigen und gegenständlichen aber auch abstrakten Motiven um, wobei Überschneidungen und Überlagerungen von bildlichen Szenen sein Werk prägen.“

Wolf Hamm war Meisterschüler von Siegfried Anzinger an der Düsseldorfer Kunstakademie, erhielt zahlreiche Stipendien und Förderpreise und ist seit 1998 in Einzelausstellungen und Gruppenbeteiligungen in Deutschland, Spanien, Griechenland und Finnland zu sehen. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Utopische Sicht auf die Natur

Die Malerei ist nicht einfach Mittel zum Zweck, sondern eine innere Notwendigkeit, um die Sicht auf die Welt zu artikulieren. Künstler schauen auf die Welt und finden dabei ihre Bilder, ihre Motive. Die Malerei hat auch heute noch eine starke, emotionale Kraft. Was will ich, was kann ich, was gebe ich von mir preis? Welche Möglichkeiten hat die Malerei im 21. Jahrhundert? Fragen, die auch Hartmut Neumann in seinen „Verbotenen Zonen“ zu beantworten versucht. Darin versucht er Antworten zu finden, um die Komplexität der verschiedenen malerischen Möglichkeiten zu erkunden. Wie bringe ich Form und Inhalt zusammen? Warum ist die Bildarchitektur so wichtig? Es geht um eigenwillige, individuelle Ausdrucksformen in der Malerei: Offenheit. Vom Gegenstand zur Abstraktion und zurück. Seine meist großformatigen, geheimnisvollen Landschaftsvisionen lassen eine ganz eigene, utopische Sicht auf die Natur erkennen. Die Ausstellung in Brühl versammelt Gemälde sowie Zeichnungen darunter sein bislang größtes, spektakuläres Werk aus dem Jahr 2019: „Ungeklärte Turbulenzen“. „Die Natur holt sich alles zurück. Dieses Überangebot an Kraft, Gewalt und Schönheit zeige ich in meinen Werken. Ich lasse meine Bilder wachsen“, so Hartmut Neumann.

Der deutsche Maler, Objektkünstler und Fotograf Hartmut Neumann studierte Malerei und Grafik an der Hochschule für Künste in Bremen bei Rolf Thiele. Seit 1992 lehrt er als Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Neumann wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet und ist mit seinen Arbeiten in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten. So unter anderem im Kunstmuseum Bonn. Dem Haus machte Hartmut Neumann darüber hinaus ein umfangreiches Konvolut seiner Arbeiten zum Geschenk. Peter Köster

Der Künstler Wolf Hamm vor seinem Schwarz-Weiß-Werk:
„Die Verantwortung, die wir tragen“ 2020, 150 x 393 cm. Foto: Peter Köster