„Maestras“ erobern sich die Kunstbühne im Arp-Museum zurück

Sofonisba Anguissola, Selbstporträt , 1556. Foto: Peter Köster

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Remagen. Das Arp Museum Bahnhof-Rolandseck hat 2024 als „das Jahr der Frauen“ ausgerufen. Den Anfang macht die großangelegte Präsentation „Maestras“, die in Kooperation mit dem Museo Nacional Thyssen-Bornmisza in Madrid entstand. Bis zum 16. Juni kann die wahrlich spektakuläre Ausstellung in Remagen besucht werden.

51 Malerinnen

Maestras“: Unter diesem Begriff  versammeln sich 51 Malerinnen, mit deren Arbeiten das Arp-Museum ein faszinierendes Gesamtbild rein weiblicher Kunst durch die Jahrhunderte zeigt. „Das ist aber alles andere als selbstverständlich, denn in der Geschichte der Kunst wurden die Werke von Frauen lange übergangen“, erzählt Kuratorin Susanne Blöcker. Künstlerinnen waren zu Lebzeiten berühmt und gerieten später in Vergessenheit. Dazu zählte laut Blöcker die Barock-Malerin Elisabetta Siranis aus Bologna, die zu ihrer Zeit ein Star war und zusammen mit Guido Reni genannt wurde. Siranis Wiederentdeckung stehe für einen Trend: „Viele Museen entdeckten gerade die Künstlerinnen in den eigenen Depots. In vielen Magazinen lagerten herausragende Werke von Malerinnen, die aber nicht restauriert wurden. Warum wurden sie nicht restauriert? Warum hat man sie beiseite gelassen? Weil sie nicht mehr im Fokus standen, auch wenn sie in ihrer Zeit berühmt waren. Das wollen wir mit solchen Ausstellungen ändern“, so Susanne Blöcker. Die Ausstellung versammelt aber nicht nur die in ihrer Zeit gefeierten Künstlerinnen wie Artemisia Gentileschi, Élisabeth Vigée-Le Brun oder Mary Cassatt sondern auch neu zu entdeckende Malerinnen. Die Werke stammen aus namhaften europäischen Museen und Sammlungen, einschließlich seltener Gemälde aus Privatbesitz.  Neun Arbeiten steuerte die Sammlung Rau aus dem Arp Museum bei.

Faksimileausgabe

Susanne Blöcker
Susanne Blöcker | Foto: Peter Köster

Opener der Ausstellung ist eine Faksimileausgabe mit üppiger Buchmalerei aus einem mittelalterlichen Nonnenkloster der Hildegard von Bingen. Am Rand eines Oster-Bildnisses ungefähr aus dem Jahr 1300 findet sich das miniaturhafte Selbstporträt samt Namenszug: Malerin war die Zisterziensernonne Gisela von Kerssenbrock. Über die Jahrhunderte gesehen konnten sich die Künstlerinnen besonders im Italien der Renaissance und des Barock entfalten. Oft half es, wenn sie einen berühmten Vater hatten. „Thematisch hätten die Malerinnen über die Jahrhunderte hinweg gemalt, was ihnen vor die Staffelei kam, betont Susanne Blöcker um hinzuzufügen: „Vielleicht mit Ausnahme von Akten. Das galt lange als unschicklich.“

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Giovanna Garzoni, Stillleben mit Kirschen auf einem Teller, Bohnenschoten und einer Holzbiene, 1642-51. | Foto. Peter Köster

Fünf Kapitel

Die Ausstellung ist in fünf Kapitel unterteilt. Der Rundgang durch den Saal beginnt rechts mit kunstvollen Buchmalereien aus mittelalterlichen Nonnenklöstern und schlägt einen Bogen über die international tätigen Künstlerinnen der Renaissance und des Barock bis zu den umworbenen großen Malerinnen der Aufklärung. Das angeschlossene Kabinett widmet sich der Stilllebenmalerei des 17. und 18. Jahrhunderts, die ein klassisches weibliches Arbeitsgebiet war. Der linke Teil der Ausstellung zeigt die bedeutenden Wegbereiterinnen der Moderne im 19. Jahrhundert und die Avantgarde-Künstlerinnen von 1900 bis 1940.

Zwischen Licht und Schatten 1200–1700

Kapitel 1: Bereits in den Nonnenklöstern des Mittelalters arbeiteten hochspezialisierte Buchmalerinnen und Autorinnen wie Gisela von Kerssenbrock oder Hildegard von Bingen, deren visionäre Bildwelten ihresgleichen suchen. Selbstbewusst signierten sie ihre Werke und zeigten sich oftmals in Augenhöhe zum religiösen Geschehen ihrer Illustrationen im Porträt. Viele weltliche Malerinnen des Mittelalters arbeiteten in den Werkstätten ihrer Väter und Brüder. In der italienischen Renaissance traten sie aus deren Schatten hervor und agierten oft sehr selbstbestimmt als anerkannte erfolgreiche Malerinnen. Biblische Heldinnen dominieren die dramatisch ausgeleuchteten Bildbühnen von Lavinia Fontana, Fede Galizia oder Artemisia Gentileschi. Oft schlüpften sie sogar selbst ins Gewand ihrer Vorbilder und zeigten sich stark und siegesgewiss. Andere wie Sofonisba Anguissola brillierten durch ihre klaren, schnörkellosen Selbstporträts. In der besonders frauenfreundlichen Universitätsstadt Bologna avancierte Elisabetta Sirani zum gefeierten Kunst-Star und wurde zum leuchtenden Vorbild für ihre Schülerinnen wie Ginevra Cantofoli. Im prosperierenden niederländischen Barock kamen Judith Leyster und Michaelina Wautier hinzu. Während Leyster überwiegend Genrebilder und Stillleben schuf, konzentrierte sich Wautier wie ihre englische Kollegin Mary Beale auf die Porträtmalerei

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Käthe Kollwitz, Abschiedswinkende Soldatenfrauen, 2. Fassung, 1937/38. | Foto: Peter Köster

Kapitel 2: Vive l’esprit – ein Hauch von Freiheit 1700–1800

Das 18. Jahrhundert war eine Epoche gewaltiger sozialer Umbrüche. Überkommene Traditionen und Hierarchien wurden in Frage gestellt – die gesellschaftliche Ordnung und die Ordnung der Geschlechter. Die Ideen- und Karriereschmieden der Aufklärung waren die Diskussions- und Debattierzirkel, die Salons, geleitet von einflussreichen Mäzenatinnen. Neben den gut vernetzten fürstlichen Sammlerinnen jener Epoche förderten sie insbesondere junge Künstlerinnen. Dank ihrer Fürsprache erhielten einige von ihnen auch einen Platz an den begehrten Kunstakademien. Die Pastelle der Venezianerin Rosalba Carriera verkörpern die Leichtigkeit und Lebendigkeit des höfischen Rokoko. Um die Mitte des Jahrhunderts schildern die Französin Élisabeth Vigée Le Brun und die Berlinerin Anna Dorothea Therbusch ihre Modelle nahbar und schnörkellos im Geist der Aufklärung. Das Werk Angelika Kauffmanns hingegen wird von den großen Helden und Heldinnen des Altertums bestimmt. Sie alle agierten beruflich unabhängig, waren international in ganz Europa aktiv und wurden von vielen umworben. Die Gesellschaft ihrer Zeit kreiste um diese großen kreativen Maestras

Naturforscherinnen 1600–1800

Kapitel 3. Im Zuge der großen weltumspannenden Entdeckungen des 16. und 17. Jahrhunderts gewann die Erforschung der Natur im Kleinen einen hohen Stellenwert. Stillleben gehörten zum klassischen Arbeitsgebiet vieler Barockmalerinnen. Fast haptisch greifbar wirken die schlichten Fruchtkörbe früher Stillleben bei den Italienerinnen Fede Galizia und Giovanna Garzoni oder der ersten bekannten französischen Stilllebenmalerin, Louise Moillon. In den poetischen Naturschilderungen der Nonne Orsola Maddalena Caccia lebt das profunde naturwissenschaftliche Interesse der mittelalterlichen Klöster fort. Maria Sibylla Merian erlangte Berühmtheit als Naturforscherin, die es bis nach Surinam trieb, um Flora und Fauna zu studieren und sie durch ihre Kunst zu dokumentieren. Die Stilllebenmalerei ermöglichte vielen Malerinnen ein unabhängiges Leben in Wohlstand. So erzielten die rahmenfüllenden Blumensträuße von Rachel Ruysch höchste Preise auf dem internationalen Markt und verkauften sich zum Teil besser als die Historiengemälde Rembrandts. Damit einher ging die öffentliche Anerkennung in Künstlerkreisen. Gleich vier Stilllebenmalerinnen wurden 1648 Mitglied der neu gegründeten Pariser Kunstakademie. Und Anne Vallayer-Coster zählte im 18. Jahrhundert zur absoluten Kunstelite Frankreichs.

Rollen und Klischees 1800–1900

Kapitel 4: Im 19. Jahrhundert waren die Freiheiten der Aufklärung vergessen, fand weibliche Kreativität lediglich enge Spielräume innerhalb traditioneller Rollenklischees. Von den Akademien verbannt, entwickelten sich junge Künstlerinnen wie Helene Schjerfbeck und Elin Danielson-Gambogi in privaten Kunstschulen wie Colarossi und Julian in Paris. Es waren die klassischen Aufgabenfelder meist bürgerlicher Frauen, die im Fokus von Malerinnen wie Marie-Victoire Lemoine und Mary Cassatt standen: Mutterliebe und Hausarbeit bestimmten großflächig die Leinwand. Gleichzeitig drängten immer mehr Frauen in den Kunstbetrieb. Marie-Louise Petiet und Eloísa Garnelo nahmen an den Salon- und Weltausstellungen teil. Annie Louisa Swynnerton protestierte für eine bessere Künstlerinnen-Ausbildung. Und tatsächlich wurde sie über 100 Jahre nach Angelika Kauffmann das erste weibliche Mitglied der Royal Academy in London. Die bürgerlichen Revolutionen, die Demokratiebewegungen und die harten Realitäten dieser Epoche sorgten dafür, dass Frauen gegen Ende des Jahrhunderts angehört wurden, dass man sich ihres kreativen Potenzials außerhalb der Familie wieder bewusst wurde.

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Suzanne Valadon, Marie Cada und ihre Tochter Gilberte, 1913. | Foto: Peter Köster

Moderne und Avantgarde 1900–1940

Das frühe 20. Jahrhundert befreit die Künste aus ihren engen geschlechtsspezifischen Schranken. Zugleich lösen sie sich von Form, Gegenstand und Genregrenzen. Viele der in der Ausstellung gezeigten Malerinnen zählen zu den innovativsten Künstlerinnen dieser Epoche. Fast alle lebten wie Suzanne Valadon und María Blanchard zeitweilig in Paris, dem Zentrum der modernen Kunst. Unter dem Eindruck des Kubismus entwickelte Alice Bailly hier ihren eigenen unverwechselbaren Stil. Auch Paula Modersohn-Becker und Käthe Kollwitz zog es dorthin. Ihre Themen jedoch fanden beide in der Stille von Worpswede und in den sozialen Brennpunkten Berlins. Marianne Werefkin, Gabriele Münter, Sophie Taeuber und Sonia Delaunay waren Frauen berühmter Künstler. Aber sie verfolgten sehr konzentriert ihre eigenen künstlerischen Ziele. Viele waren aktive Mitglieder einflussreicher Künstlervereinigungen. Sie hinterfragten Traditionen und fanden wie Sonia Delaunay und Sophie Taeuber eine radikal revolutionäre abstrakte neue Bildsprache. Diese setzten sie auf der Leinwand, im Design und in der Mode um.

Globale Transformation

Die Ausstellung endet an diesem Punkt, weil sich seit der Avantgarde gesellschaftliche Bedingungen und Fragen von Geschlecht und sozialer Herkunft in der Kunst neu denken lassen, auch unter den Vorzeichen einer globalen Transformation. So gesehen ist die Moderne ein Endpunkt, das Thema aber schreibt sich fort. Durch diese 68 Werke der Malerinnen entsteht ein faszinierendes Gesamtbild von großer Kunst quer durch die Jahrhunderte. Schön und spannungsvoll führen die Werke durch die gesamte Kunstgeschichte der Malerei, beginnend um 1500 bis in die Moderne zu Sonia Delaunay und Sophie Taeuber-Arp, der „Patronin“ des Arp Museums. Vergessene „Maestras“ erobern sich als Neuentdeckungen die Kunstbühnen zurück, die lange für sie verwaist schienen.

Peter Köster