Im Jubiläumsjahr zeigt die Bundeskunsthalle u.a. Simone De Beauvoir

Der Bühnensaal der Oper von Venedig (La Fenice),2020, © picture alliance/ Annette Reuther

Vom menschlichen Gehirn über Simone De Beauvoir, bis hin zu Oper, Farbe in der Kunst, Politik und Medien, Sammlungsankäufen des Bundes, Humor in der Kunst und „Seltene Handwerke und Berufe im Wandel“, reicht die Palette der Ausstellungen, die die Bundeskunsthalle (BKH) im kommenden Jahr präsentiert. Ein besonderer Höhepunkt dürfte der Monat Juni sein. Dann nämlich feiert das Haus an der Museumsmeile sein 30jähriges  Jubiläum.

„Das Gehirn in Kunst & Wissenschaft“

Das Ausstellungsjahr selbst beginnt mit der Schau „Das Gehirn in Kunst & Wissenschaft“ (Laufzeit: 28. Januar bis zum 26. Juni). Das Gehirn ist eines der letzten großen Rätsel des menschlichen Körpers. Was haben wir eigentlich im Kopf, und wie stellen wir uns die Vorgänge im Gehirn vor? Ist unser Ich etwas anderes als unser Körper, und wie machen wir uns einen Reim auf die Welt um uns herum? Wie sieht das Gehirn der Zukunft aus: Es bedarf der Zusammenarbeit vieler Disziplinen, um sich diesen Fragen zu nähern. Die Hirnforschung liefert uns fortwährend aktuelle Erkenntnisse, steht aber auch noch vor vielen ungelösten Fragen. Assoziativ verbundene Werke aus Kunst und Kulturgeschichte treffen in dieser Ausstellung auf wissenschaftliche Forschung, um das menschliche Gehirn – wie ein unbekanntes Territorium – zu erkunden und besser verstehen zu lernen. Eine Ausstellung zum Ansehen, Anhören, Anfassen.

Als feministisches Standardwerk anerkannt

Ab März rückt Simone de Beauvoir in den Mittelpunkt. „Simone de Beauvoir
und „Das andere Geschlecht“ ist die vom 4. März bis zum 19. Juni gezeigt Ausstellung überschrieben. Mit Simone de Beauvoir und ihrem Grundlagenwerk des Feminismus folgt zugleich eine weitere Präsentation in der mit Hannah Arendt initiierten Reihe über bedeutende Akteurinnen, die entscheidend zur Emanzipation der Frauen beigetragen haben. „Simone de Beauvoir gehört – nicht zuletzt durch die Veröffentlichung des Welterfolges „Le deuxième sexe“ (Das andere Geschlecht) 1949 – zu den wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und gilt als Ikone der Frauenbewegung“, sagt die Intendantin Eva Kraus. „Ihre brillante Analyse, die Behandlung von tabuisierten Themen wie sexuelle Initiation, lesbische Liebe oder Abtreibung lösten damals eine Welle von Kritik und Anfeindungen aus. Erst später wurde die Studie als Grundlage der Frauen- und Geschlechterforschung und als feministisches Standardwerk anerkannt.“ Die Ausstellung geht der Entstehung des Werkes im Paris der Nachkriegszeit nach, als die Philosophie des Existenzialismus neue Maßstäbe setzte, und erzählt von der Bedeutung und Rezeption dieser „Bibel des Feminismus“ innerhalb der Frauenbewegung. Literarische und journalistische Beiträge, Interviews und Filme stellen Simone de Beauvoirs Denken und ihr Verständnis vom freien und unabhängigen Leben vor und lassen ihre wichtigsten Weggefährtinnen und Weggefährten wie Jean-Paul Sartre oder Alice Schwarzer zu Wort kommen.

Yaron Steinberg The Brain City Project, 2011Yaron Steinberg, Israel © Yaron Steinberg

Vom Feldzug der Farbe durch die Künste

Vom Feldzug der Farbe durch die Künste ebenso wie durch Gesellschaft, Politik und Medien erzählt die Ausstellung „Spektren. Farbe als Programm“, (8. April bis zum 7. August). Die Schau beschäftigt sich mit dem Thema der Farbe als programmatisches Mittel. Sie versammelt kunst- und kulturgeschichtliche Exponate aus über 100 Jahren, kulminierend in Beiträgen zeitgenössischer Kunst. Präsenz und Funktion von Farbe haben sich in dieser Zeitspanne grundlegend geändert. Farbe in ihrer Funktion als Bedeutungsträgerin ist ein wichtiges Thema in der Ausstellung. Bei „Spektren“ geht es um die künstlerische Beschäftigung mit der affektiven und repräsentativen Kraft von Farbe. Bildende Kunst ist das primäre Spielfeld dieser Ausstellung – insbesondere ihr Vermögen abstrakte Denkräume zu eröffnen. Der Parcours durch die Ausstellung wie auch die assoziative Herangehensweise sind bewusster Teil der Inszenierung.

Werke aus der Sammlung des Bundes

Die Bundeskunsthalle zeigt regelmäßig Ausstellungen mit Werken aus der Sammlung des Bundes. Auch die neue Schau „Identität nicht nachgewiesen“ (7. Mai bis 3. Oktober) präsentiert ausgewählte Arbeiten, die innerhalb der fünfjährigen Tätigkeit (2017– 2021) von einer ehrenamtlichen Fachkommission für die Sammlung der Bundesrepublik Deutschland angekauft worden sind. Zusätzlich kommen dieses Mal Ankäufe hinzu, die mit Mitteln von „Neustart Kultur“ von einer weiteren Ankaufskommission erworben werden konnten. Das kuratorische Konzept wurde im kollaborativen Prozess von zwölf Kuratorinnen und Kuratoren unter Moderation der Bundeskunsthalle entwickelt. Das Team verspricht sich von der Durchmischung der beiden Ankaufskonvolute eine größtmögliche Aktualität und einen repräsentativen Querschnitt der zeitgenössischen, mitunter auch der sehr jungen Produktion. Die Auswahl der Werke macht deutlich, dass die gegenwärtigen künstlerischen Ausdrucksformen eine breite Palette an Techniken und Medien umfassen – von raumgreifenden Installationen, Zeichnung, Malerei und Skulptur bis hin zu Fotografie, Video und akustischen Arbeiten.

Eine Steilrampe auf dem  Dach der Halle

Simone de Beauvoir, Französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin,
1954© Pierre Boulat / Agentur Focus

Auf dem Dach der Bundeskunsthalle ist nach drei Jahren Pause für den Sommer wieder eine interaktive Installation geplant, die die spielerischen Komponenten im öffentlichen Raum ergänzt: Den sich allsommerlich auf dem Platz präsentierenden Brunnen „Circular Appearing Rooms“ von Jeppe Hein und die „Bonner Rutschbahn“ von Carsten Höller, die sich um seine eigene Achse die Fassade hinaufschlängelt. Dieser Outdoor-Parcour wird nun um eine dritte Arbeit „The Curve“ von der Berliner Künstlerin Bettina Pousttchi erweitert. Bei „The Curve“ handelt es sich um eine Steilrampe, die trotz ihrer Steigung begehbar bleibt. Inspiriert ist Pousttchi von der legendären Teststrecke, die der Fiat-Konzern auf dem Dach seines 1923 eröffneten Werks im Turiner Stadtteil Lingotto errichtete und von den Futuristen in ihren Technik und Beschleunigung feiernden Bildwelten verewigt wurde. Das historische Zitat übersetzt Bettina Pousttchi, wie oftmals in ihrer Arbeit, in eine eigenständige Skulptur bei der die Realität mit der Fiktion verschwimmt. Ihre Rampe erhält durch die matte, schwarz-weiße Oberfläche eine fast fotografische Präsenz.

Die Oper als barockes Spektakel

„Die Oper ist tot – Es lebe die Oper!“, lautet der Titel der Ausstellung, die vom 30. September bis zum 5. Februar gezeigt wird. Ausgehend von den Anfängen der Oper in Italien, inszeniert die Schau kaleidoskopartig Blicke auf verschiedene Opernkonstellationen. In der Oper verbinden sich verschiedene Formen der Kunst (Musik, Gesang, Schauspiel, Tanz) und des Handwerks (Kostüm, Bühne, Licht) zu einem spektakulären Gesamtkunstwerk. Sie überschreitet die Grenzen der Realität, lebt von dramatischen Extremen, vom Magischen und Irrationalen und ist als Kunstereignis einmalig und vergänglich. „Oper“ präsentiert die barocken Spektakel an den europäischen Höfen und geht der Vielfalt der kommerziellen Spielstätten im Venedig des 17. Jahrhunderts nach. Am Beispiel berühmter Opernhäuser wie der Mailänder Scala, der Wiener Hofoper oder der New Yorker Met erzählt sie vom Wachstum und Wandel der Institution im 19. und 20. Jahrhundert sowie von Menschen, die sich zusammenfinden, um ihren inneren Bildern die sinnliche Gestalt zu verleihen, die das Publikum zu sehen und zu hören bekommt. Begleitet von Einspielungen zahlreicher Opernwerke, erzählen Gemälde und Kostüme, Plakate und Bühnenbildmodelle, Karikaturen und Programmhefte bekannte und unbekannte Geschichten einer sich immer wieder neu erfindenden Gattung und Institution.

Weber am Handwebstuhl, vermutlich Bielefeld, um 1930, © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Eine Philosophie, die den intellektuellen Geist kitzelt

„Ernsthaft? Albernheit und Enthusiasmus in der Kunst“, lautet der Titel dieser vom 11. November bis zum 16. April 2023 gezeigten Ausstellung. In der Moderne seit dem 19. Jahrhundert im Allgemeinen und den klassischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts im Besonderen ist eine ganz bestimmte Dialektik am Werk: Auf der einen Seite gibt es kühne Innovationen, radikale Negation und ästhetische Dogmen, auf der anderen Seite gibt es eine gewisse Art des Lachens, die die Grundlage für die Entstehung dieses Ausstellungsprojekts bildet. Es ist ein Lachen, das Spaß macht und zugleich – ohne nur skandalisieren zu wollen – alle Konservativitäten, Bigotterien, Moralvorstellungen und nicht zuletzt avantgardistische Dogmatismen unterläuft. Bewusst unreif und völlig eigensinnig, erfindet „Ernsthaft? Albernheit und Enthusiasmus in der Kunst“ den Humor der Katastrophe, des schlechten Geschmacks, des Fiaskos und der Schande. Die Ausstellung legt Wert auf die unmittelbare Erfahrung, sie ist experimentierfreudig und fördert eine aktive Kommunikation zwischen Werk und Betrachtenden. Eine Philosophie, die den intellektuellen Geist kitzelt.

Ausstellung zeigt seltene Handwerke und Berufe

Zu guter letzt widmet sich die Bundeskunsthalle mit der interdisziplinären Schau „Die Letzten ihrer Art seltenen Handwerken und Berufen im Wandel.“ (Laufzeit: 15. Dezember bis 26. März 2023.) In der Reihe interdisziplinärer Ausstellungen zu wissenschaftlich-technischen und gesellschaftsrelevanten Themen widmet sich die Bundeskunsthalle seltenen oder gefährdeten handwerklichen Berufen. Die Ausstellung nimmt besonders den lokalen beruflichen Wandel in Nordrhein-Westfalen in den Blick. Die Auswahl der Handwerkskünste geschieht nach qualitativen Gesichtspunkten, aber auch im Hinblick auf persönliche Geschichten, die oft mehrere Familiengenerationen umspannen. Diese Geschichten haben soziale und psychologische Facetten, z. B. auch in Bezug auf den Begriff der Kreativität und seine Bedeutung für unsere Bildung und unser Wohlbefinden. Ein spezieller Fokus liegt auf der Revitalisierung aussterbender Handwerksberufe, wie z.B. Drechsler- und Flechthandwerk, Porzellanmalerei, Seidenweberei und Musikinstrumentenbau. Auch andere Menschen wie der letzte Bergmann des Ruhrpotts oder die letzte Rheinschifferin haben Berufe erlernt, die drohen, in Vergessenheit zu geraten.

Auch der interaktive Bezug zu aktuellen Trends, wie Do-it-yourself-, Repair- und Recycling-Workshops sowie zur Nachhaltigkeitsdebatte allgemein, ist vorgesehen. Peter Köster