Kultur

Ein Großmeister der Bildhauerei

Tony Cragg | Unschärferelation, 1991, 115x160, Foto: Peter Köster

Das Ludwig Museum in Koblenz zeigt raumgreifende Skulpturen von Tony Cragg – Davor widmete das Nationalmuseum in Havanna dem Turner-Preisträger eine umfangreiche Werk-Schau.

Koblenz/Havanna. Im Frühjahr wurde im „Museo Nacional de Bellas Artes“ in Havanna, Kubas wichtigstem Museum für internationale zeitgenössische Kunst die große Tony Cragg Ausstellung „Esculturas y Dibujos“ eröffnet. An die 30 Skulpturen und 20 Zeichnungen wurden dort bis zum 12. Juni im Sala de „Exposiciones Transitorias“ gezeigt, darunter viele seiner Meisterwerke („Versus“, „Minster“, „Real Plastic Love“ u.a.).

Nun wechselte die Ausstellung ins Ludwig Museum nach Koblenz. Die Werkschau, Titel: „Tony Cragg, Scultures and Works on Paper“, die bis zum 22. Oktober gezeigt wird, wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entwickelt und entstand in Kooperation mit dem „Museo Nacional de Bellas Artes“, der „Fundación Ludwig de Cuba“ (der Stiftung Ludwig in Kuba) sowie der Galerie Geuer & Geuer Art GmbH Düsseldorf.

Der britische, in Deutschland lebende Bildhauer und international hoch geschätzte Künstler Tony Cragg präsentiert eine Auswahl seiner neuesten Skulpturen sowie einen Überblick seiner graphischen Arbeiten.

Anhand von Skulpturen, Zeichnungen und Aquarellen wird Craggs künstlerischer Weg und Schaffensprozess von der anfänglichen Idee bis zum formvollendeten Objekt aufgezeigt. Bekannt ist Tony Cragg für seine meterhohen verdrehten Skulpturen aus Holz, Bronze oder glänzendem Edelstahl, die bis zu 1,5 Tonnen wiegen.

Ästhetische Fragestellungen zur heutigen Skulptur und insbesondere im Œuvre von Cragg rücken in den Fokus der Ausstellung, die ausgewählte Werke von 1979 bis 2014 versammelt. Neben großen wie kleinen Skulpturen und Plastiken aus Holz, Marmor, Edelstahl, Bronze, Eisen und Polyester geben noch nie gezeigte Bleistiftzeichnungen und farbige Aquarelle neue Einblicke in das skulpturale Werk des in Wuppertal lebenden Ausnahmekünstlers, der dort seit rund 40 Jahren lebt und mit dem Skulpturenpark Waldfrieden ein internationales Ausstellungszentrum betreibt.

Tony Cragg | Minster, 1992, 285×250, Foto: Peter Köster

Cragg gilt als einer der weltweit anerkanntesten zeitgenössischen Bildhauer. Zahlreiche renumierte Museen stellten ihn aus. Darunter 1984 das Louisiana Museum of Modern Art in Humlebaek (Dänemark), 1985 das Palais des Beaux-Arts in Brüssel, 1995 das Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia in Madrid, 1996 das Centre Georges Pompidou in Paris, 2000 die Tate Gallery in Liverpool, 2003 die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, 2011 das Musée du Louvre in Paris und 2016 die Eremitage in St. Petersburg.

Der Brite ist auf vielen bedeutenden internationalen Ausstellungen vertreten, nimmt an der documenta VII und VIII in Kassel und an der Biennale in Venedig teil. 1988 erhält Tony Cragg den renommierten britischen Turner-Preis. Er lehrt an der Kunsthochschule Düsseldorf, folgt jedoch 2001 dem Ruf an die Universität der Künste in Berlin. 2006 kehrt er an die Kunstakademie Düsseldorf zurück, wo er von 2009 bis 2013, als Nachfolger von Markus Lüpertz, Rektor wird.

Auf der Suche nach der Form

In seiner künstlerischen Praxis verhandelt Tony Cragg die Beziehungen zwischen der menschlichen Welt und der Welt der Dinge. Er nutzte im Laufe seiner Karriere unterschiedliche Materialien gleichermaßen: Von Stein, Holz, Glas und Stahl bis zu Bronze und gefundenen Objekten aus der Konsum- und Wegwerf-Welt. Bronze, Holz und Marmor, Fundstücke. Cragg lässt sich nicht auf einen Stil oder ein Material festlegen. Er sucht kontinuierlich nach der Form. Bereits in seinen frühen Arbeiten offenbart sich ein Drang zur Erkundung und Einordnung der Umwelt. Schon als junger Mann interessiert er sich für Naturwissenschaften und Materialkunde. Tony Cragg wird als Anthony Douglas Cragg 1949 in Liverpool geboren und verbringt nach der Schule zwei Jahre als Labortechniker an einem Material-Forschungsinstitut, eine Erfahrung, die ihn in seinem Umgang mit Materialität prägen sollte.

Im Laufe seines Studiums, zunächst am Gloucestershire College of Art and Design und später am Londoner Royal College of Art, beginnt er sich insbesondere für Bildhauerei zu interessieren. In seinen frühen Arbeiten verarbeitet er gefundene Objekte, Kunststoffteile, Geröll von Baustellen und Haushaltswaren. Er schafft aus diesen Überbleibseln und Fragmenten von Zivilisationsmüll Skulpturen und dreidimensionale Arbeiten, aber auch Mosaiken. Ab den 80ern zeichnet sich eine Entwicklung in Tony Craggs Werk ab: Statt Plastik-Kompositionen widmet er sich raumgreifenden Skulpturen. Dafür nutzt er auch konventionelle Techniken: Arbeiten in Bronze und Holz. Doch diese setzt er nicht konventionell ein. Er wechselt Stile, lotet den Umgang mit Material und Form aus. Schicht um Schicht entsteht dabei etwas Neues.

Neue skulpturale Ensembles entstehen

Craggs Skulpturen sind nicht naturalistisch, sie geben nicht vor, die Welt zu imitieren. Es sind eher Studien und Versuche einer Erläuterung der Formen und Gegebenheiten der Welt in der wir leben. Die Faszination der Skulpturen von Tony Cragg nährt sich aus der unendlichen Variation von Formen und Stoffen sowie der stets sich in morphologischer Verschmelzung begreifenden Veränderung. „Die Kunst hat die Möglichkeit ergriffen, eine ganz neue Sprache und ganz neue Formerlebnisse zu schaffen“, so Cragg. Der Großmeister der Bildhauerei ist permanent auf der Suche nach den passenden Materialien, wechselt diese und setzt sie ungewohnt in Szene. Es ist bis heute das künstlerische Interesse von Tony Cragg, sich nicht nur mit vorgefundenden Materialien und Objekten auseinanderzusetzen, sondern diese auf ungewöhnliche Weise zu kombinieren und zu neuen skulpturalen Ensembles zusammenzustellen. (Peter Köster)